Wann dein ERP-Partner vor Ort sein muss
Erfahre, wann dein ERP-Partner vor Ort sein sollte, um den Projekterfolg zu sichern, und welche Phasen effizient remote ablaufen.


„Seid ihr auch vor Ort?” ist eine der häufigsten Fragen im ersten Gespräch über ein ERP-Projekt. Die ehrliche Antwort lautet: manchmal, und dann ist es wichtig. Den größten Teil der Arbeit an SAP Business One erledigt heute niemand mehr im Besprechungsraum, und das ist kein Qualitätsverlust, sondern schlicht effizienter.
Trotzdem taugt „alles remote” genauso wenig als Grundsatz wie „immer jemand im Haus”. Beide Extreme kosten Geld, nur an unterschiedlichen Stellen. Dieser Beitrag beschreibt, welche Projektphasen remote besser laufen, in welchen drei Momenten Anwesenheit den Verlauf wirklich verändert und wie du beides vor Projektstart verbindlich klärst, statt später darüber zu diskutieren.
Was remote schlicht besser läuft
Systemanalyse, Customizing, Schnittstellen, Testläufe, Fehlersuche, Support: Dafür braucht niemand einen Stuhl in deinem Büro. Im Gegenteil. Wer remote arbeitet, greift direkt auf das System zu, protokolliert Änderungen sauber und kann zwischendurch einen Kollegen dazuholen, ohne dass jemand ins Auto steigt.
Der praktische Vorteil liegt in der Taktung. Eine remote geklärte Frage dauert zwanzig Minuten. Dieselbe Frage im Rahmen eines Vor-Ort-Termins wartet, bis der nächste Termin stattfindet, oder sie erzwingt eine Anfahrt, die für sich genommen einen halben Tag kostet. Über ein Projekt hinweg summiert sich das erheblich, und zwar auf deiner Rechnung.
Dazu kommt ein Effekt, den viele unterschätzen: Remote-Arbeit hinterlässt bessere Spuren. Bildschirmaufzeichnungen, Ticketverläufe und dokumentierte Konfigurationen sind nachlesbar. Was in einem Besprechungsraum mündlich vereinbart wird, existiert danach in mehreren Versionen im Kopf der Beteiligten.
Die drei Momente, in denen Anwesenheit zählt
Es gibt Situationen, in denen eine Bildschirmfreigabe systematisch zu wenig zeigt. Sie sind seltener, als Vertriebspräsentationen vermuten lassen, aber sie entscheiden über den Projekterfolg.
Der erste ist die Prozessaufnahme. Wie Wareneingang, Kommissionierung oder Fertigungsrückmeldung tatsächlich ablaufen, steht in keinem Organigramm. Es steht auf dem Zettel, den jemand seit Jahren neben dem Bildschirm führt, weil das alte System an dieser Stelle nicht mitspielt. Solche Umgehungen erzählt dir niemand in einer Videokonferenz, weil sie den Beteiligten längst normal vorkommen. Man sieht sie, wenn man danebensteht.
Der zweite ist die Schulung. Ein Raum voller Menschen, die ihre eigenen Belege durchspielen, bringt mehr als jede Aufzeichnung. Fragen entstehen dort, wo die Arbeit stattfindet, und die halblauten Bemerkungen unter Kolleginnen und Kollegen sind oft wertvoller als das, was offiziell gefragt wird. Wer Schulung nur als Videokonferenz plant, spart am falschen Ende: Die Akzeptanz im Team entscheidet darüber, ob das System nach drei Monaten benutzt oder umgangen wird.
Der dritte ist die Woche nach dem Go-live. In dieser Phase ist Geschwindigkeit wichtiger als Prozess. Wenn ein Beleg klemmt, während der Versand wartet, schreibt niemand ein Ticket. Jemand ruft quer durch die Halle, und wer dann greifbar ist, löst das Problem in Minuten. Wie du diese Phase vorbereitest, steht ausführlicher in der Go-live-Checkliste.
Was ein Vor-Ort-Tag wirklich kostet
Anwesenheit ist nicht gratis, auch wenn sie im Angebot manchmal so aussieht. Rechne mit drei Posten: der reinen Fahrzeit, den Reisekosten und dem Umstand, dass ein Reisetag selten acht produktive Stunden enthält. Bei einem Dienstleister, der 300 Kilometer entfernt sitzt, ist ein Tagestermin faktisch ein Tag Arbeit plus ein halber Tag Anfahrt, und beides landet in irgendeiner Form bei dir.
Daraus folgt kein Verzicht, sondern Planung. Bündle Vor-Ort-Termine. Eine Prozessaufnahme, die in einem Durchgang alle betroffenen Bereiche abdeckt, ist wertvoller als drei Einzelbesuche. Lege die Schulung auf zwei zusammenhängende Tage statt auf fünf verteilte Vormittage. Und halte die Go-live-Begleitung bewusst kurz und dafür dicht.
Die Rechnung kippt allerdings, wenn die Entfernung klein ist. Wer eine halbe Stunde entfernt sitzt, kann am nächsten Morgen für zwei Stunden vorbeikommen, ohne dass daraus ein Projektposten wird. Genau darin liegt der praktische Wert regionaler Nähe: nicht in ständiger Präsenz, sondern in der Möglichkeit, kurzfristig und verhältnismäßig zu reagieren.
Anwesenheit nützt nur, wenn dein Team auch da ist
Der häufigste Grund für einen verpufften Vor-Ort-Termin liegt nicht beim Dienstleister. Er liegt daran, dass die Menschen fehlen, um die es geht. Wenn die Lagerleitung an diesem Tag Inventur macht und die Buchhaltung im Monatsabschluss steckt, sitzt ein Berater in deinem Besprechungsraum und redet mit der IT über Prozesse, die die IT nicht verantwortet.
Lege deshalb vor jedem Termin fest, wer aus dem Fachbereich dabei ist und wofür diese Person entscheidungsbefugt ist. Genau hier zeigt sich, ob die internen Rollen geklärt sind: Wer darf festlegen, dass eine Freigabestufe entfällt? Wer entscheidet über Artikelnummernlogik? Wenn diese Fragen im Termin offenbleiben, verschiebt sich jede Entscheidung um eine Woche. Welche Rollen ein Projekt braucht, steht in ERP-Projektteam richtig aufstellen.
Umgekehrt heißt das auch: Ein gut vorbereiteter halber Tag mit den richtigen Leuten bringt mehr als zwei volle Tage mit denen, die gerade Zeit hatten. Frag deinen Partner ruhig vorher, wen er braucht. Wer darauf keine klare Antwort hat, hat den Termin selbst nicht durchdacht.
Klär es vor dem Projekt, nicht mittendrin
Die meisten Diskussionen über Anwesenheit entstehen, weil vorher niemand darüber gesprochen hat. Vier Punkte gehören deshalb ins Angebot oder ins Kickoff-Protokoll:
- Welche Termine finden vor Ort statt, und wie viele Tage sind dafür eingeplant?
- Wer trägt Reisezeit und Reisekosten, und werden sie pauschaliert oder nach Aufwand abgerechnet?
- Wie lange dauert die Vor-Ort-Begleitung nach dem Go-live, und was passiert, wenn sie verlängert werden muss?
- Was gilt im Störungsfall: Welche Reaktionszeit ist zugesagt, und ab welcher Eskalationsstufe kommt jemand persönlich?
Der letzte Punkt wird am häufigsten übersehen und ist im Betrieb der wichtigste. Eine zugesagte Reaktionszeit von vier Stunden nützt wenig, wenn die Antwort lautet, dass ein Termin in der übernächsten Woche frei ist. Frag deshalb nicht nur nach der Reaktionszeit, sondern nach dem konkreten Ablauf bei einem Problem, das den Versand oder die Fakturierung blockiert.
Woran du merkst, dass Nähe nur behauptet wird
„Bundesweit für Sie vor Ort” steht auf vielen Websites. Drei Nachfragen trennen die Aussage von der Wirklichkeit.
Erstens: Wo sitzen die Menschen, die mein Projekt machen? Nicht die Firmenzentrale, sondern die konkreten Beraterinnen und Berater. Manche Anbieter haben viele Adressen, aber die Fachleute für dein Thema sitzen an einer davon.
Zweitens: Arbeitet ihr mit Subunternehmern? Das ist kein Ausschlusskriterium, verändert aber Verantwortung und Erreichbarkeit. Du solltest wissen, wer im Zweifel haftet und wen du anrufst.
Drittens: Wer betreut das System nach dem Go-live? Wenn Projektteam und Supportteam nichts miteinander zu tun haben, erklärst du deine Prozesse zweimal. In kleinen Teams erreichst du dagegen meist jemanden, der deine Installation kennt. Welche Kriterien darüber hinaus zählen, haben wir in welcher SAP-Partner zum Mittelstand passt zusammengetragen.
Nähe ist kein Hauptkriterium, aber ein guter Tiebreaker
Wenn du zwei Anbieter vergleichst und einer versteht deine Prozesse deutlich besser, dann entscheidet das und nicht die Entfernung. Fachliche Passung, Erfahrung mit deiner Branche und eine realistische Projektplanung stehen vor der Postleitzahl. Umgekehrt gilt aber genauso: Wenn zwei Angebote fachlich gleichwertig sind, ist der kürzere Weg ein echter Vorteil, und zwar genau in den Wochen, in denen es unruhig wird.
Wichtig ist am Ende weniger, wie viele Kilometer zwischen euch liegen, als ob dein Partner ehrlich sagt, wann er kommt und wann nicht. Wer für jede Kleinigkeit anreisen will, verkauft dir Reisezeit. Wer grundsätzlich nie kommt, hat deine Abläufe nie gesehen. Beides merkst du erst im Projekt, wenn du vorher nicht fragst.
Wir selbst arbeiten überwiegend remote und sitzen in Lehrte bei Hannover, also nah genug für die Termine, bei denen es zählt. Wie das für Unternehmen in der Region Hannover konkret aussieht, steht auf der Standortseite. Für alle anderen gilt dasselbe Prinzip: Plane die drei wichtigen Momente bewusst vor Ort, und mach den Rest dort, wo er schneller geht.

